GER-Niveau C1 • Wortbildung & Stil

Nominalisierung & Nominalstil

Auf dem GER-Niveau C1 verschmelzen Wortbildung und Stilistik: Wer wissenschaftliche, juristische oder behördliche Texte verstehen und schreiben will, muss nicht nur einzelne Nominalisierungen bilden können (untersuchendie Untersuchung), sondern auch die typischen Strukturen des Nominalstils beherrschen – Funktionsverbgefüge, Partizipialattribute, Genitivketten – und Sätze systematisch in beide Richtungen umformen können (Verbalstil ↔ Nominalstil).

Kernregel Bei der Nominalisierung wird ein Verb oder Adjektiv in ein Nomen umgewandelt; im Nominalstil wird die Handlung als Nomen statt als finites Verb formuliert. Beispiel: Die Regierung beschloss, die Steuern zu senken. (Verbalstil) → Der Beschluss der Regierung zur Senkung der Steuern … (Nominalstil).

Nominalisierung - Wortbildung mit Suffixen

Bei der Nominalisierung wird ein Verb oder Adjektiv in ein Nomen umgewandelt:

Verb → Nomen: Die Regierung beschloss, die Steuern zu senken.Der Beschluss der Regierung zur Steuersenkung …

Adjektiv → Nomen: Das Verfahren ist sehr komplex.Die Komplexität des Verfahrens …

Wichtige Nominalisierungssuffixe

SuffixGenusBasisBeispiel
-ungdieVerbentwickeln → die Entwicklung; prüfen → die Prüfung
-tion / -ation / -siondieVerb auf -iereninformieren → die Information; diskutieren → die Diskussion
-nisdas / dieVerberkennen → die Erkenntnis; erleben → das Erlebnis
-heitdieeinsilbiges Adj. / Adj. ohne -ig/-lichfrei → die Freiheit; gesund → die Gesundheit
-keitdieAdj. auf -ig, -lich, -bar, -sammöglich → die Möglichkeit; wirksam → die Wirksamkeit
-itätdieAdj. auf -al, -iv, -ell (Fremdw.)komplex → die Komplexität; flexibel → die Flexibilität
-schaftdieNomen / Adj.eigen → die Eigenschaft; Mit­glied → die Mitgliedschaft
Konversion (Infinitiv)dasVerb (Infinitiv)lernen → das Lernen; schreiben → das Schreiben
Tipp: Nomen auf -ung, -keit, -heit, -tion, -sion, -ität, -schaft sind immer feminin. Substantivierte Infinitive sind immer Neutrum (das Lernen). Nomen auf -nis sind meist Neutrum, können aber auch feminin sein (das Ergebnis, aber die Erkenntnis).

Nominalisierung - Infinitiv und substantivierte Adjektive

Substantivierter Infinitiv (das + Verb)

Immer Neutrum. Bezeichnet die Handlung als Vorgang.

  • das Lernen einer Fremdsprache
  • beim Nachdenken über das Problem

Substantiviertes Adjektiv / Partizip

Behalten die Adjektivdeklination.

  • der Kranke (ein Kranker, die Kranken)
  • etwas Neues, nichts Wichtiges (nach etwas/nichts: Neutrum)

Merkmale des Nominalstils

Der Nominalstil verdichtet Information durch vier zentrale Mittel:

MittelBeispiel
Nominalisierungendie Durchführung der Studie (statt: die Studie durchführen)
Funktionsverbgefügeeine Entscheidung treffen (= entscheiden), zur Verfügung stellen (= bereitstellen)
Partizipialattributedie veröffentlichten Ergebnisse (= die Ergebnisse, die veröffentlicht wurden)
Genitivkettendie Ergebnisse der Analyse der Daten (max. zwei empfohlen)

Verbalstil ↔ Nominalstil - Umformung

Verbalstil
  • Man beschloss, die Steuern zu senken, weil die Wirtschaft stagnierte.
Nominalstil
  • Der Beschluss zur Senkung der Steuern aufgrund der Stagnation der Wirtschaft …

Transformationsregeln

VerbalNominalStrukturwandel
Man untersuchte die Proben. Die Untersuchung der Proben Akk.-Objekt → Genitivattribut
Die Behörde hat es genehmigt. Die Genehmigung durch die Behörde Subjekt → durch + Akk.
…, weil er krank war. wegen seiner Krankheit. Konjunktion → Präposition + Gen.
Die Kosten steigen deutlich. Der deutliche Anstieg der Kosten Adverb → Adjektivattribut
Rückumformung (Nominal → Verbal): Nominalisierung finden → Basisverb bilden → Agens (Subjekt) bestimmen → verbalen Satz bilden.

Wann welcher Stil?

Verbalstil bevorzugtNominalstil bevorzugt
Journalismus, Erzähltexte, Alltagssprache Wissenschaft, Verwaltung, juristische Texte
Achtung - übermäßiger Nominalstil: Maximal zwei Genitive hintereinander. Die Überprüfung der Einhaltung der Vorschriften der Verordnung → besser: Die Behörde überprüft, ob die Vorschriften eingehalten werden.

Häufig gestellte Fragen – FAQ

Was ist der Unterschied zwischen Nominalisierung und Nominalstil?

Nominalisierung ist ein Wortbildungsprozess: Ein Verb oder Adjektiv wird zu einem Nomen (entwickelndie Entwicklung). Der Nominalstil ist ein Schreibstil, der solche Nominalisierungen systematisch nutzt und mit weiteren Mitteln (Funktionsverbgefüge, Partizipialattribute, Genitivketten) kombiniert, um Informationen zu verdichten. Eine Nominalisierung ist also ein Baustein, der Nominalstil ein Bauprinzip.

Welches Suffix passt zu welchem Verb oder Adjektiv?

Es gibt keine starre Regel, aber Tendenzen: -ung ist das produktivste Suffix bei Verben (Forschung, Entwicklung, Verbesserung) und immer feminin. -tion/-sion tritt bei Fremdwörtern und Verben auf -ieren auf (Produktion, Diskussion, Information) und ist feminin. -nis ist seltener und meist neutral oder feminin (das Ergebnis, die Erkenntnis). Bei Adjektiven: -heit nach Adjektiven mit nur einer Silbe oder mit -bar/-sam (Freiheit, Wirksamkeit), -keit nach Adjektiven auf -ig, -lich, -bar (Möglichkeit, Wirklichkeit, Verfügbarkeit).

Welche grammatischen Mittel kennzeichnen den Nominalstil?

Vier zentrale Mittel: (1) Nominalisierungen (die Untersuchung statt untersuchen); (2) Funktionsverbgefüge – bedeutungsschwaches Verb plus Nomen (zur Verfügung stellen statt bereitstellen); (3) Partizipialattribute – Relativsätze als vorangestellte Partizipien (die veröffentlichte Studie statt die Studie, die veröffentlicht wurde); (4) Genitivketten (die Ergebnisse der Analyse der Daten).

Wie formt man systematisch Verbal- in Nominalstil um – und umgekehrt?

Bei der Umformung Verbal → Nominal: Verb wird zu Nomen (mit passendem Suffix), Subjekt wird zu Genitivattribut oder durch + Akk., kausale Nebensätze (weil) werden zu aufgrund/wegen + Genitiv, temporale (nachdem) zu nach + Dativ, finale (damit/um zu) zu zur + Nominalisierung. Bei Nominal → Verbal laufen alle Schritte umgekehrt: Nominalisierung identifizieren, Basisverb bilden, Agens aus dem Kontext bestimmen, Genitivattribut zu Subjekt/Objekt, Präposition zu Konjunktion.

Wann ist Nominalstil angemessen, wann ein Stilfehler?

Angemessen in wissenschaftlichen Arbeiten, Gesetzes- und Verwaltungstexten, Gutachten, Protokollen und Fachartikeln – überall dort, wo verdichtete, sachliche und unpersönliche Darstellung gefordert ist. Stilfehler wird er bei übermäßigem Gebrauch (Beamtendeutsch): mehr als zwei Genitive hintereinander, abstrakte Nomen ohne klares Agens, vier oder mehr Nominalisierungen pro Satz. Faustregel: Verbalstil bevorzugen für Lesbarkeit, Nominalstil gezielt einsetzen für Verdichtung – gute C1-Texte mischen beide Stile bewusst.

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