Auf dem GER-Niveau C1 verschmelzen Wortbildung und Stilistik: Wer wissenschaftliche, juristische oder behördliche Texte verstehen und schreiben will, muss nicht nur einzelne Nominalisierungen bilden können (untersuchen → die Untersuchung), sondern auch die typischen Strukturen des Nominalstils beherrschen – Funktionsverbgefüge, Partizipialattribute, Genitivketten – und Sätze systematisch in beide Richtungen umformen können (Verbalstil ↔ Nominalstil).
Bei der Nominalisierung wird ein Verb oder Adjektiv in ein Nomen umgewandelt:
Verb → Nomen: Die Regierung beschloss, die Steuern zu senken. → Der Beschluss der Regierung zur Steuersenkung …
Adjektiv → Nomen: Das Verfahren ist sehr komplex. → Die Komplexität des Verfahrens …
| Suffix | Genus | Basis | Beispiel |
|---|---|---|---|
| -ung | die | Verb | entwickeln → die Entwicklung; prüfen → die Prüfung |
| -tion / -ation / -sion | die | Verb auf -ieren | informieren → die Information; diskutieren → die Diskussion |
| -nis | das / die | Verb | erkennen → die Erkenntnis; erleben → das Erlebnis |
| -heit | die | einsilbiges Adj. / Adj. ohne -ig/-lich | frei → die Freiheit; gesund → die Gesundheit |
| -keit | die | Adj. auf -ig, -lich, -bar, -sam | möglich → die Möglichkeit; wirksam → die Wirksamkeit |
| -ität | die | Adj. auf -al, -iv, -ell (Fremdw.) | komplex → die Komplexität; flexibel → die Flexibilität |
| -schaft | die | Nomen / Adj. | eigen → die Eigenschaft; Mitglied → die Mitgliedschaft |
| Konversion (Infinitiv) | das | Verb (Infinitiv) | lernen → das Lernen; schreiben → das Schreiben |
Immer Neutrum. Bezeichnet die Handlung als Vorgang.
Behalten die Adjektivdeklination.
Der Nominalstil verdichtet Information durch vier zentrale Mittel:
| Mittel | Beispiel |
|---|---|
| Nominalisierungen | die Durchführung der Studie (statt: die Studie durchführen) |
| Funktionsverbgefüge | eine Entscheidung treffen (= entscheiden), zur Verfügung stellen (= bereitstellen) |
| Partizipialattribute | die veröffentlichten Ergebnisse (= die Ergebnisse, die veröffentlicht wurden) |
| Genitivketten | die Ergebnisse der Analyse der Daten (max. zwei empfohlen) |
| Verbal | Nominal | Strukturwandel |
|---|---|---|
| Man untersuchte die Proben. | Die Untersuchung der Proben | Akk.-Objekt → Genitivattribut |
| Die Behörde hat es genehmigt. | Die Genehmigung durch die Behörde | Subjekt → durch + Akk. |
| …, weil er krank war. | … wegen seiner Krankheit. | Konjunktion → Präposition + Gen. |
| Die Kosten steigen deutlich. | Der deutliche Anstieg der Kosten | Adverb → Adjektivattribut |
| Verbalstil bevorzugt | Nominalstil bevorzugt |
|---|---|
| Journalismus, Erzähltexte, Alltagssprache | Wissenschaft, Verwaltung, juristische Texte |
Nominalisierung ist ein Wortbildungsprozess: Ein Verb oder Adjektiv wird zu einem Nomen (entwickeln → die Entwicklung). Der Nominalstil ist ein Schreibstil, der solche Nominalisierungen systematisch nutzt und mit weiteren Mitteln (Funktionsverbgefüge, Partizipialattribute, Genitivketten) kombiniert, um Informationen zu verdichten. Eine Nominalisierung ist also ein Baustein, der Nominalstil ein Bauprinzip.
Es gibt keine starre Regel, aber Tendenzen: -ung ist das produktivste Suffix bei Verben (Forschung, Entwicklung, Verbesserung) und immer feminin. -tion/-sion tritt bei Fremdwörtern und Verben auf -ieren auf (Produktion, Diskussion, Information) und ist feminin. -nis ist seltener und meist neutral oder feminin (das Ergebnis, die Erkenntnis). Bei Adjektiven: -heit nach Adjektiven mit nur einer Silbe oder mit -bar/-sam (Freiheit, Wirksamkeit), -keit nach Adjektiven auf -ig, -lich, -bar (Möglichkeit, Wirklichkeit, Verfügbarkeit).
Vier zentrale Mittel: (1) Nominalisierungen (die Untersuchung statt untersuchen); (2) Funktionsverbgefüge – bedeutungsschwaches Verb plus Nomen (zur Verfügung stellen statt bereitstellen); (3) Partizipialattribute – Relativsätze als vorangestellte Partizipien (die veröffentlichte Studie statt die Studie, die veröffentlicht wurde); (4) Genitivketten (die Ergebnisse der Analyse der Daten).
Bei der Umformung Verbal → Nominal: Verb wird zu Nomen (mit passendem Suffix), Subjekt wird zu Genitivattribut oder durch + Akk., kausale Nebensätze (weil) werden zu aufgrund/wegen + Genitiv, temporale (nachdem) zu nach + Dativ, finale (damit/um zu) zu zur + Nominalisierung. Bei Nominal → Verbal laufen alle Schritte umgekehrt: Nominalisierung identifizieren, Basisverb bilden, Agens aus dem Kontext bestimmen, Genitivattribut zu Subjekt/Objekt, Präposition zu Konjunktion.
Angemessen in wissenschaftlichen Arbeiten, Gesetzes- und Verwaltungstexten, Gutachten, Protokollen und Fachartikeln – überall dort, wo verdichtete, sachliche und unpersönliche Darstellung gefordert ist. Stilfehler wird er bei übermäßigem Gebrauch (Beamtendeutsch): mehr als zwei Genitive hintereinander, abstrakte Nomen ohne klares Agens, vier oder mehr Nominalisierungen pro Satz. Faustregel: Verbalstil bevorzugen für Lesbarkeit, Nominalstil gezielt einsetzen für Verdichtung – gute C1-Texte mischen beide Stile bewusst.