Auf C1-Niveau setzen Sie Infinitivkonstruktionen gezielt als Satzverkürzung ein. Sie ersetzen Nebensätze systematisch durch kompakte Infinitivstrukturen und verwenden auch die Halbmodalverben (scheinen, drohen, pflegen) stilsicher in formalen Texten.
Kernregel: Infinitivkonstruktionen ersetzen Nebensätze und machen Texte kompakter: Er ging, ohne sich zu verabschieden (statt: ohne dass er sich verabschiedete). Voraussetzung: Das Subjekt des Hauptsatzes und des Nebensatzes muss identisch sein.
Wiederholung: Grundformen der Infinitivkonstruktionen
Bevor wir die erweiterten Infinitivkonstruktionen auf C1-Niveau behandeln, wiederholen wir kurz die drei wichtigsten Grundformen. Alle drei verlangen identische Subjekte in Haupt- und Infinitivsatz.
um…zu (Zweck / Finalität)
- Ich lerne Deutsch, um in Berlin zu arbeiten. = damit ich in Berlin arbeite
- Sie spart Geld, um ein Haus zu kaufen. = damit sie ein Haus kauft
ohne…zu (fehlende Begleithandlung)
- Er ging, ohne sich zu verabschieden. = ohne dass er sich verabschiedete
- Sie nahm das Geld, ohne zu zögern. = ohne dass sie zögerte
(an)statt…zu (Alternative)
- Anstatt zu lernen, spielte er Computerspiele. = anstatt dass er lernte
- Sie rief an, statt eine E-Mail zu schreiben. = anstatt dass sie schrieb
Regel: Die Konstruktionen um…zu, ohne…zu und (an)statt…zu sind nur möglich, wenn das Subjekt im Hauptsatz und im Infinitivsatz identisch ist. Bei verschiedenen Subjekten muss ein Nebensatz mit damit, ohne dass bzw. anstatt dass stehen.
Infinitivkonstruktionen als Subjekt und Objekt
Infinitivkonstruktionen mit zu können als Subjekt oder Objekt eines Satzes fungieren. In der gehobenen Schriftsprache sind sie ein zentrales Mittel, um Sätze kompakt und präzise zu formulieren.
| Funktion |
Beispiel |
Erklärung |
| Subjekt |
Deutsch zu lernen macht Spaß. |
Der Infinitivsatz ist das Subjekt des Satzes. |
| Subjekt mit es |
Es ist wichtig, pünktlich zu sein. |
es = Platzhalter für den Infinitivsatz. |
| Objekt |
Er versucht, die Aufgabe zu lösen. |
Der Infinitivsatz ist das Akkusativobjekt. |
| Objekt |
Sie hofft, die Prüfung zu bestehen. |
Der Infinitivsatz ist das Objekt von hoffen. |
Verben mit obligatorischem zu + Infinitiv
- versuchen: Er versucht, das Problem zu lösen.
- hoffen: Sie hofft, die Stelle zu bekommen.
- beschließen: Wir beschlossen, das Projekt abzubrechen.
- planen: Die Firma plant, neue Mitarbeiter einzustellen.
- beabsichtigen: Er beabsichtigt, im Ausland zu studieren.
- sich weigern: Sie weigerte sich, die Erklärung zu unterschreiben.
- empfehlen: Der Arzt empfiehlt, mehr Sport zu treiben.
haben + zu + Infinitiv / sein + zu + Infinitiv
Diese beiden Konstruktionen drücken modale Bedeutungen aus und sind typisch für formelle, amtliche und wissenschaftliche Texte.
| Konstruktion |
Bedeutung |
Beispiel |
Paraphrase |
| haben + zu |
aktive Pflicht (= müssen, aktiv) |
Ich habe den Bericht abzugeben. |
Ich muss den Bericht abgeben. |
| haben + zu |
aktive Pflicht |
Du hast dich an die Regeln zu halten. |
Du musst dich an die Regeln halten. |
| sein + zu |
passive Pflicht (= müssen, passiv) |
Der Bericht ist bis Freitag abzugeben. |
Der Bericht muss bis Freitag abgegeben werden. |
| sein + zu |
passive Möglichkeit (= können, passiv) |
Das Problem ist leicht zu lösen. |
Das Problem kann leicht gelöst werden. |
Merke: Bei haben + zu ist das Subjekt aktiv (es handelt selbst). Bei sein + zu ist das Subjekt passiv (etwas wird mit ihm getan). Ob sein + zu Pflicht oder Möglichkeit ausdrückt, ergibt sich aus dem Kontext.
Halbmodalverben + zu + Infinitiv
Im gehobenen Deutsch gibt es eine Reihe von Halbmodalverben, die mit zu + Infinitiv verbunden werden und modale Nuancen ausdrücken. Sie sind besonders in der Schrift- und Wissenschaftssprache verbreitet.
| Halbmodalverb |
Bedeutung |
Beispiel |
| scheinen zu |
Anschein, Vermutung |
Er scheint zu schlafen. = Es sieht so aus, als ob er schläft. |
| drohen zu |
Gefahr, negative Tendenz |
Das Projekt droht zu scheitern. = Es besteht die Gefahr, dass es scheitert. |
| pflegen zu |
Gewohnheit (geh.) |
Er pflegt früh aufzustehen. = Er steht gewöhnlich früh auf. |
| brauchen (nicht/nur) zu |
Nicht-Notwendigkeit |
Du brauchst nicht zu kommen. = Du musst nicht kommen. |
| vermögen zu |
Fähigkeit (formal) |
Sie vermag es nicht zu erklären. = Sie kann es nicht erklären. |
| wissen zu |
Geschick, Können |
Er weiß sich zu helfen. = Er kann sich helfen / ist geschickt. |
| versprechen zu |
positive Tendenz |
Der Tag verspricht schön zu werden. = Es sieht so aus, als würde der Tag schön. |
Tipp: Die Halbmodalverben scheinen, drohen und versprechen verlieren in dieser Konstruktion ihre ursprüngliche Bedeutung. Drohen zu scheitern bedeutet nicht, dass jemand droht, sondern dass Gefahr besteht. Versprechen schön zu werden bedeutet nicht, dass jemand etwas verspricht, sondern dass eine positive Tendenz erkennbar ist.
Systematische Satzverkürzung: Nebensatz → Infinitivkonstruktion
Viele Nebensätze können durch Infinitivkonstruktionen verkürzt werden. Voraussetzung ist in der Regel, dass die Subjekte identisch sind. Hier die wichtigsten Transformationen:
- Ich lerne, damit ich die Prüfung bestehe.
- Ich lerne, um die Prüfung zu bestehen.
- Er ging, ohne dass er sich verabschiedete.
- Er ging, ohne sich zu verabschieden.
- Er sieht fern, anstatt dass er lernt.
- Er sieht fern, anstatt zu lernen.
- Er hofft, dass er gewinnt.
Wichtig: Die Satzverkürzung ist nur möglich, wenn das Subjekt im Haupt- und Nebensatz identisch ist. Bei sein + zu gilt diese Einschränkung nicht, da das Subjekt passivisch aufgefasst wird: Der Antrag muss eingereicht werden → Der Antrag ist einzureichen.
Infinitivkonstruktionen in formalen Texten
In Geschäftsbriefen, wissenschaftlichen Arbeiten und juristischen Texten sind Infinitivkonstruktionen ein unverzichtbares Stilmittel. Sie machen Sätze kürzer, präziser und sachlicher.
Geschäftsbriefe
- Wir bitten Sie, die Unterlagen bis zum 15. März einzureichen.
- Die Rechnung ist innerhalb von 30 Tagen zu begleichen.
- Wir erlauben uns, Ihnen folgendes Angebot zu unterbreiten.
Wissenschaft & Recht
- Es ist festzustellen, dass die Ergebnisse signifikant sind.
- Die Hypothese scheint sich zu bestätigen.
- Der Angeklagte bestreitet, die Tat begangen zu haben. (Perfektinfinitiv)
Tipp: In formalen Texten wird häufig auch der Perfektinfinitiv verwendet: begangen zu haben, informiert worden zu sein. Er verweist auf eine abgeschlossene Handlung und ist typisch für juristische und wissenschaftliche Sprache.
Zusammenfassung
- um…zu / ohne…zu / (an)statt…zu — verkürzen Finalsätze, fehlende Begleitumstände und Alternativsätze. Nur bei identischem Subjekt.
- Infinitivsätze als Subjekt/Objekt — Deutsch zu lernen macht Spaß. / Er versucht, das Problem zu lösen.
- haben + zu — aktive Pflicht: Ich habe den Bericht abzugeben. (= Ich muss abgeben.)
- sein + zu — passive Pflicht/Möglichkeit: Der Bericht ist abzugeben. (= muss abgegeben werden.)
- Halbmodalverben — scheinen, drohen, pflegen, brauchen, vermögen, wissen, versprechen + zu + Inf. drücken modale Nuancen aus.
- Satzverkürzung — Nebensätze mit damit, ohne dass, anstatt dass, dass werden systematisch in Infinitivkonstruktionen umgewandelt.
- Formale Texte — Infinitivkonstruktionen sind ein Kennzeichen gehobener Schriftsprache in Wissenschaft, Verwaltung und Recht.
Häufig gestellte Fragen – FAQ
Welche Nebensätze kann man durch Infinitivkonstruktionen ersetzen?
Man kann ersetzen: damit-Sätze → um…zu, ohne dass-Sätze → ohne…zu, anstatt dass-Sätze → (an)statt…zu, dass-Sätze nach bestimmten Verben → Infinitiv mit zu. Voraussetzung: gleiches Subjekt in Haupt- und Nebensatz.
Was sind Halbmodalverben?
Halbmodalverben stehen mit zu + Infinitiv und drücken modale Nuancen aus: scheinen zu (Anschein), drohen zu (Gefahr), pflegen zu (Gewohnheit), brauchen zu (Nicht-Notwendigkeit), vermögen zu (Fähigkeit). Sie unterscheiden sich von echten Modalverben durch das zu.
Was ist der Unterschied zwischen 'haben + zu' und 'sein + zu'?
Haben + zu + Infinitiv = aktive Pflicht: Ich habe den Bericht abzugeben = Ich muss den Bericht abgeben. Sein + zu + Infinitiv = passive Pflicht/Möglichkeit: Der Bericht ist abzugeben = Der Bericht muss abgegeben werden.
Wann verwendet man Infinitivkonstruktionen statt Nebensätze?
Infinitivkonstruktionen sind eleganter und kompakter als Nebensätze. Sie sind typisch für formale und gehobene Sprache: wissenschaftliche Texte, Geschäftsbriefe, juristische Dokumente. In der Alltagssprache werden oft Nebensätze mit dass, damit oder ohne dass bevorzugt.