Auf dem GER-Niveau C1 ist der Nominalstil ein zentrales Stilmerkmal, das Lernende sowohl verstehen als auch aktiv verwenden müssen. In wissenschaftlichen Arbeiten, Gesetzestexten, Behördenschreiben und Nachrichtenartikeln dominiert der Nominalstil, weil er Informationen verdichtet, Sachverhalte objektiviert und einen formellen Ton erzeugt. Wer den Nominalstil beherrscht, kann anspruchsvolle Texte entschlüsseln und selbst auf akademischem Niveau formulieren.
Kernregel: Im Nominalstil werden Handlungen und Eigenschaften als Nomen ausgedrückt statt als Verben oder Adjektive. Das Ergebnis sind kompakte, informationsdichte Sätze: Die Durchführung der Reform … statt Man führt die Reform durch.
Was ist Nominalstil?
Im Nominalstil werden Handlungen, Vorgänge und Eigenschaften nicht durch Verben und Adjektive ausgedrückt, sondern als Nomen formuliert. Der Satz wird dadurch kompakter und abstrakter, verliert aber an Anschaulichkeit.
| Merkmal |
Verbalstil |
Nominalstil |
| Handlung |
konjugiertes Verb |
Nominalisierung (Nomen) |
| Subjekt |
Person/Akteur (die Forscher) |
oft unpersönlich oder gestrichen |
| Objekt |
Akkusativ-/Dativergänzung |
Genitivattribut oder Präpositionalattribut |
| Stil |
lebendig, anschaulich |
formell, distanziert, sachlich |
Regel: Der Nominalstil verdichtet Information, indem er Nebensätze und konjugierte Verben durch Nominalgruppen ersetzt. Das Ergebnis: weniger Verben, mehr Nomen, längere Nominalgruppen.
Nominalstil vs. Verbalstil
Die folgenden Beispiele zeigen den Unterschied zwischen beiden Stilen. Der Nominalstil ist typisch für schriftliche Fachtexte, der Verbalstil für mündliche Kommunikation und erzählende Texte.
- Die Forscher untersuchten, wie sich das Klima verändert.
- Die Untersuchung der Veränderungen des Klimas durch die Forscher …
- Wir bitten Sie, den Antrag einzureichen.
- Wir bitten um Einreichung des Antrags.
- Man beschloss, die Steuern zu senken, weil die Wirtschaft stagnierte.
- Der Beschluss zur Senkung der Steuern aufgrund der Stagnation der Wirtschaft …
Typische Strukturen des Nominalstils
Der Nominalstil nutzt verschiedene grammatische Mittel, die auf C1-Niveau einzeln behandelt werden. Hier sehen Sie, wie sie zusammenwirken.
Nominalisierungen
Verben und Adjektive werden in Nomen umgewandelt.
- die Durchführung der Studie (statt: die Studie durchführen)
- die Verbesserung der Infrastruktur (statt: die Infrastruktur verbessern)
- die Notwendigkeit einer Reform (statt: eine Reform ist notwendig)
Funktionsverbgefüge
Bedeutungsschwaches Verb + Nomen als feste Verbindung.
- eine Entscheidung treffen (statt: entscheiden)
- in Betracht ziehen (statt: berücksichtigen)
- zur Verfügung stellen (statt: bereitstellen)
Partizipialattribute
Relativsätze werden zu vorangestellten Partizipien verdichtet.
- die veröffentlichten Ergebnisse (statt: die Ergebnisse, die veröffentlicht wurden)
- die zunehmend diskutierten Maßnahmen (statt: die Maßnahmen, die zunehmend diskutiert werden)
Genitivketten
Mehrere Genitivattribute hintereinander verdichten die Information.
- die Ergebnisse der Analyse der Daten des Projekts
- die Empfehlungen des Ausschusses des Europäischen Parlaments
Tipp: In guten Fachtexten werden nicht mehr als zwei Genitivattribute aneinandergereiht. Drei oder mehr Genitive hintereinander gelten als schwer lesbar und sollten durch Präpositionalattribute oder Relativsätze aufgelöst werden.
Anwendung in wissenschaftlichen und behördlichen Texten
Wissenschaftlicher Text
- Die Auswertung der im Rahmen der Langzeitstudie erhobenen Daten zeigt eine signifikante Zunahme der Konzentration von Feinstaub in urbanen Gebieten.
- Zur Überprüfung der Hypothese wurden weitere Messungen durchgeführt.
Behördlicher Text
- Die Beantragung einer Aufenthaltserlaubnis setzt die Vorlage folgender Unterlagen voraus.
- Nach Prüfung Ihres Antrags ergeht eine Benachrichtigung über die Entscheidung.
Regel: Der Nominalstil ist ein Werkzeug, kein Selbstzweck. Gute Texte mischen Nominal- und Verbalstil. Durchgehender Nominalstil führt zu schwer lesbaren Texten (Behördendeutsch). Durchgehender Verbalstil wirkt in Fachtexten zu locker.
Zusammenfassung
- Im Nominalstil werden Handlungen als Nomen ausgedrückt; im Verbalstil durch konjugierte Verben.
- Typische Mittel: Nominalisierungen, Funktionsverbgefüge, Partizipialattribute, Genitivketten.
- Der Nominalstil verdichtet Informationen und erzeugt einen formellen, sachlichen Ton.
- Er ist typisch für wissenschaftliche, juristische und administrative Texte.
- Gute Texte auf C1-Niveau mischen beide Stile bewusst und angemessen.
Häufig gestellte Fragen – FAQ
Was ist der Unterschied zwischen Nominalstil und Verbalstil?
Im Verbalstil wird die Handlung durch ein konjugiertes Verb ausgedrückt: Die Forscher analysierten die Daten. Im Nominalstil wird die Handlung als Nomen formuliert: Die Analyse der Daten durch die Forscher ergab …. Der Nominalstil ist kompakter, abstrakter und formeller.
Warum ist der Nominalstil in Fachtexten so verbreitet?
Der Nominalstil ermöglicht es, viele Informationen in wenigen Wörtern zu bündeln. Er vermeidet persönliche Subjekte (ich, wir), wirkt dadurch objektiver und erzeugt den sachlichen, distanzierten Ton, der in Wissenschaft und Verwaltung erwartet wird.
Wann sollte man den Nominalstil vermeiden?
Übertriebener Nominalstil führt zu schwer verständlichen Sätzen (Behördendeutsch). In Alltagskommunikation, Briefen und mündlicher Sprache ist der Verbalstil natürlicher und verständlicher. Auf C1-Niveau sollte man den Nominalstil bewusst einsetzen, aber auch erkennen, wann der Verbalstil angemessener ist.
Welche sprachlichen Mittel kennzeichnen den Nominalstil?
Typische Mittel sind: (1) Nominalisierungen (die Untersuchung statt untersuchen), (2) Funktionsverbgefüge (zur Verfügung stellen statt bereitstellen), (3) Partizipialattribute (die veröffentlichte Studie statt die Studie, die veröffentlicht wurde), (4) Genitivketten (die Ergebnisse der Analyse der Daten).
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