Auf C1-Niveau beherrschen Sie Partizipialkonstruktionen als zentrales Mittel der Schriftsprache. Sie verstehen und bilden erweiterte Partizipialattribute, formen Relativsätze systematisch in Partizipialkonstruktionen um und erkennen Kettungen in wissenschaftlichen und juristischen Texten.
Kernregel: Partizipialkonstruktionen verdichten Relativsätze: Der Mann, der am Fenster steht → Der am Fenster stehende Mann. Die Erweiterung steht vor dem Partizip, das Partizip vor dem Nomen.
Wiederholung: Partizip I und II als Adjektive
Beide Partizipien können wie Adjektive vor einem Nomen stehen und werden entsprechend dekliniert. Partizip I drückt eine aktive, gleichzeitige Handlung aus, Partizip II eine passive oder abgeschlossene Handlung.
| Partizip |
Bildung |
Bedeutung |
Beispiel |
| Partizip I |
Infinitiv + -d |
aktiv, gleichzeitig |
der schlafende Patient = der Patient, der schläft |
| Partizip II |
ge- + Stamm + -t/-en |
passiv / abgeschlossen |
die geöffnete Tür = die Tür, die geöffnet wurde |
Regel: Partizip I = Infinitiv + -d + Adjektivendung (schlafend + e = schlafende). Partizip II = ge-Stamm-t/-en + Adjektivendung (geöffnet + e = geöffnete). Beide folgen der normalen Adjektivdeklination.
Erweiterte Partizipialattribute
Das erweiterte Partizipialattribut ist das Herzstück der C1-Grammatik. Dabei wird das Partizip durch zusätzliche Elemente — Adverbien, Objekte, Präpositionalphrasen — ergänzt. Alle Erweiterungen stehen zwischen Artikel und Partizip.
Regel: Die Struktur lautet: Artikel + Erweiterung(en) + Partizip (mit Endung) + Nomen. Die gesamte Erweiterung bildet eine Klammer zwischen Artikel und Nomen.
Erweiterte Partizip-II-Attribute
Mit passiver oder abgeschlossener Bedeutung. Sehr häufig in formellen Texten.
- die von der Regierung beschlossene Reform = die Reform, die von der Regierung beschlossen wurde
- die im letzten Jahr durchgeführte Studie = die Studie, die im letzten Jahr durchgeführt wurde
- das vom Parlament einstimmig verabschiedete Gesetz = das Gesetz, das vom Parlament einstimmig verabschiedet wurde
- der seit Langem von Experten geforderte Maßnahmenkatalog = der Maßnahmenkatalog, der seit Langem von Experten gefordert wird
Erweiterte Partizip-I-Attribute
Mit aktiver, gleichzeitiger Bedeutung. Das Subjekt des Partizips ist das Bezugsnomen.
- der seit drei Stunden schlafende Patient = der Patient, der seit drei Stunden schläft
- die an Bedeutung gewinnende Technologie = die Technologie, die an Bedeutung gewinnt
- der im Ausland lebende Wissenschaftler = der Wissenschaftler, der im Ausland lebt
- die stetig wachsende Nachfrage nach Fachkräften = die Nachfrage nach Fachkräften, die stetig wächst
Tipp: Suchen Sie den Artikel und das Nomen — alles dazwischen gehört zum erweiterten Partizipialattribut. Das letzte Wort vor dem Nomen ist immer das Partizip (mit Adjektivendung).
Partizipialkonstruktionen als Nebensatzersatz
Partizipialkonstruktionen ersetzen Relativsätze und machen den Text kompakter. Die Wahl zwischen Partizip I und II hängt davon ab, ob der Relativsatz aktiv oder passiv ist.
- der Mann, der am Fenster steht
→ der am Fenster stehende Mann
- die Kosten, die rasant steigen
→ die rasant steigenden Kosten
- die Reform, die beschlossen wurde
→ die beschlossene Reform
- der Antrag, der abgelehnt wurde
→ der abgelehnte Antrag
Regel: Aktiver Relativsatz (Subjekt handelt) → Partizip I (gleichzeitig, aktiv). Passiver Relativsatz (wurde/wird + Partizip II) → Partizip II (abgeschlossen, passiv).
Umformung: Relativsatz ↔ Partizipialkonstruktion
Die systematische Umformung in beide Richtungen ist eine zentrale Fertigkeit auf C1-Niveau. Folgen Sie den Schritten unten.
Relativsatz → Partizipialkonstruktion
Schritt für Schritt:
- 1. Identifizieren Sie das Verb im Relativsatz.
- 2. Bestimmen Sie: aktiv → Partizip I, passiv → Partizip II.
- 3. Bilden Sie das Partizip und fügen Sie die Adjektivendung hinzu.
- 4. Stellen Sie alle Erweiterungen vor das Partizip, zwischen Artikel und Nomen.
Beispiel:
- die Studie, die im letzten Jahr veröffentlicht wurde
- → Verb: veröffentlicht wurde (Passiv) → Partizip II: veröffentlicht
- → + Endung: veröffentlichte (fem. Nom. best. Art.)
- → die im letzten Jahr veröffentlichte Studie
Partizipialkonstruktion → Relativsatz
Schritt für Schritt:
- 1. Identifizieren Sie das Partizip (letztes Wort vor dem Nomen).
- 2. Partizip I → Präsens Aktiv, Partizip II → Passiv (wurde/wird + P2).
- 3. Bilden Sie den Relativsatz mit Relativpronomen + finites Verb am Ende.
Beispiel:
- der am Fenster stehende Mann
- → Partizip: stehend (P1) → Präsens: steht
- → der Mann, der am Fenster steht
Kettung von Partizipialattributen
In juristischen, wissenschaftlichen und administrativen Texten werden häufig mehrere Partizipialattribute aneinandergereiht. Diese Kettung kann Texte schwer lesbar machen, ist aber ein typisches Merkmal der gehobenen Schriftsprache.
Zwei verkettete Partizipialattribute
- der vom Ministerium genehmigte und von der Firma durchgeführte Versuch
- = der Versuch, der vom Ministerium genehmigt und von der Firma durchgeführt wurde
Partizip I + Partizip II kombiniert
- die seit Monaten andauernde, von der Öffentlichkeit heftig kritisierte Debatte
- = die Debatte, die seit Monaten andauert und von der Öffentlichkeit heftig kritisiert wird
Lange Kette (typisch für Rechtstexte)
- die von internationalen Experten seit Langem geforderte, jedoch bisher nicht umgesetzte Reform des Bildungssystems
- = die Reform des Bildungssystems, die von internationalen Experten seit Langem gefordert, jedoch bisher nicht umgesetzt wurde
Tipp: Gleichrangige Partizipialattribute werden durch Komma oder und getrennt. Lösen Sie lange Ketten zum Verständnis in Relativsätze auf.
Partizipialkonstruktionen in Fachtexten
Erweiterte Partizipialkonstruktionen sind ein Stilmerkmal formeller Texte. Sie kommen besonders häufig in Wissenschaft, Verwaltung und Recht vor.
Wissenschaft
- Die in der vorliegenden Studie untersuchten Faktoren lassen folgende Schlüsse zu.
- Die aus den Daten abgeleiteten Ergebnisse bestätigen die Hypothese.
- Das über einen Zeitraum von fünf Jahren beobachtete Phänomen bedarf weiterer Forschung.
Verwaltung
- Der am 15. Januar eingereichte Antrag wird derzeit geprüft.
- Die gemäß § 12 Abs. 3 vorgeschriebenen Unterlagen sind beizufügen.
- Die von der zuständigen Behörde erteilte Genehmigung ist auf drei Jahre befristet.
Recht
- Der vom Gericht freigesprochene Angeklagte wurde sofort entlassen.
- Die im Vertrag festgelegten Bedingungen gelten als verbindlich.
- Das von beiden Parteien unterzeichnete Abkommen tritt sofort in Kraft.
Zusammenfassung
- Partizip I (Infinitiv + -d) ersetzt aktive Relativsätze und drückt gleichzeitige Handlungen aus.
- Partizip II ersetzt passive Relativsätze und drückt abgeschlossene oder passive Handlungen aus.
- Erweiterte Partizipialattribute folgen der Struktur: Artikel + Erweiterungen + Partizip + Nomen.
- Umformung: Jede Partizipialkonstruktion lässt sich in einen Relativsatz auflösen und umgekehrt.
- Kettung: Mehrere Partizipialattribute können durch Komma oder und verknüpft werden.
- Fachtexte: Partizipialkonstruktionen sind typisch für Wissenschaft, Verwaltung und Recht.
Häufig gestellte Fragen – FAQ
Was sind erweiterte Partizipialattribute?
Erweiterte Partizipialattribute bestehen aus einem Partizip mit Ergänzungen davor: die von der Regierung beschlossene Reform = die Reform, die von der Regierung beschlossen wurde. Die gesamte Erweiterung steht zwischen Artikel und Nomen.
Wann verwendet man Partizip I und wann Partizip II?
Partizip I = aktiv + gleichzeitig: der schlafende Mann (= der Mann, der schläft). Partizip II = passiv + abgeschlossen: das geöffnete Fenster (= das Fenster, das geöffnet wurde). Bei intransitiven Verben mit sein: Partizip II = aktiv + abgeschlossen: der angekommene Zug.
Was sind Kettungen von Partizipialattributen?
Kettungen sind mehrere Partizipialattribute hintereinander: der vom Ministerium genehmigte und von der Firma durchgeführte Versuch. Sie sind typisch für Fachsprache und können Texte schwer lesbar machen. In der gesprochenen Sprache verwendet man stattdessen Relativsätze.
In welchen Textsorten findet man Partizipialkonstruktionen?
Partizipialkonstruktionen sind typisch für Schriftsprache: wissenschaftliche Texte, juristische Dokumente, Verwaltungssprache, Qualitätsjournalismus. In der gesprochenen Sprache werden sie meist durch Relativsätze ersetzt, da sie schwerer zu verarbeiten sind.